Das Leben eines Künstlers im vergangenen Jahrhundert
Der Maler Hermann Graudin wird achtzig Jahre alt
Von Nadira Hurnaus
Russische Avantgarde: Dabei denken Kunstbeflissene an Malewitsch, Poljakow, Lanskoy oder Kandinsky. Im Russland Stalins wurde dieser Kunstrichtung schon in den dreißiger Jahren zu Gunsten des „sozialistischen Realismus“ der Garaus gemacht. Die Bilder russischer Expressionisten verschwanden aus den Museen und ihre Maler nicht selten im GULag.
Der heute in Kassel lebende und im Februar 1922 in Smolensk geborene Maler Hermann Graudin ist wahrscheinlich einer der letzten lebenden Vertreter dieser russichen Avantgarde. Seine künstlerische Entwicklung begann in seiner Heimatstadt Smolensk. Obwohl seine Familie unter rotem Terror und gnadenloser Verfolgung in den Dreißigern litt, erhielt er ein Stipendium der Gesamtrussischen Akademie der Künste im damaligen Leningrad. Es war die Akademie von Repin, Jawlenski, Chagall und Surikow.
Den Ausbruch des Krieges mit Hitlerdeutschland erlebte er in Moskau auf der Durchreise nach Hause in die Sommerferien. Die Jahre der deutschen Besetzung, die Flucht vor der Roten Armee nach Litauen, den Kampf als Soldat auf deutscher Seite, die russische Gefangenschaft unter falschem Namen und die Entlassung in die Westzone: Ein schicksalhaftes Kaleidoskop von 1941 bis 1950.
Im Westen schloss er sich bald den führenden bildenden Künstlern jener Jahre an. Mit Nicolas de Stael und Serge Poljakow traf er ebenso zusammen wie mit dem Journalisten und Kunstkritiker Friedrich Sieburg.
Bewusst ordnet sich Graudin der Moderne zu. Doch zugleich kritisiert er sie. Die Beliebigkeit der Postmoderne ist seine Sache nicht. Er hat ihre Umbrüche erlebt. Zur Moderne gab und gibt es für ihn, trotz ihrer vielen Krisen, keine Alternative.
Gemeinsam mit seiner Frau führt er heute im hessischen Kassel ein offenes Haus. Seine Besucher staunen über die Vitalität des bescheidenen Künstlers, der es trotz Anfragen ablehnt, sich an der Documenta zu beteiligen. Zu schrill und ahnungslos sei ihm das Publikum, das Margarinepumpen und gebrauchte Badewannen von Beuys bestaune. Anklage und Änderung des System seien weder sein Ziel noch sein Anliegen. Auch nicht die heile Welt. Vielmehr die Welt, wie sie ist.
Mit ihm schließt sich der Kreis russischer Avantgarde, der „Ecole Russe“; mit erdverbundenen Motiven wie Steinformationen, Blumen, Meeresbildern oder städtische Panoramen, Graudin: Ein Geheimtipp. Seine Bilder: sanft und ohne Pathos.